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Sein ganzes Leben im Flüchtlingslager PDF Print

Rania Al Najjar, Mitarbeiterin von Islamic Relief Palästina, berichtet über ihren Besuch bei dem Waisenjungen Ata Jad Alhaq.

An einem schönen sonnigen Morgen im Mai mache ich mich auf den Weg in das Al-Nusairat Flüchtlingslager. Das Camp gehört zu den größten im Gazastreifen in Bezug auf Bevölkerung und Fläche und es beherbergt die meisten palästinensischen Flüchtlinge, die seit 1948 aus ihren Häusern vertrieben wurden. Es liegt ungefähr acht Kilometer südlich von Gaza-Stadt und sechs Kilometer nördlich der Stadt Deir Albalah.

Der nördliche und südliche Teil von Nusairat wird durch ein Tal namens Wadi Gaza getrennt. Die Bewohner des Lagers leben unter ärmlichsten Bedingungen: 24 Prozent der Häuser sind baufällig und kaum noch bewohnbar. Nach Schätzungen des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) stieg die Einwohnerzahl im Lager von 1967 bis 1987 von rund 17.600 Menschen auf ca. 28.200 Menschen.

Das Waisenkind Ata Jad Alhaq ist eines von tausenden Kinder, die in diesem Flüchtlingslager geboren wurden und ihr ganzes Leben dort verbracht haben. Der 14-jährige Ata wurde 1996 geboren. Gemeinsam mit seiner Mutter Rabeeha und seiner Schwester Wafaa lebt er in einer 4-Zimmer-Wohnung. Die kleine Wohnung mit den wenigen Möbeln wird von Atas Mutter sehr sauber gehalten. Im selben Gebäude lebt auch Atas Stiefmutter mit ihren zwei Söhnen Ahmed und Moath. Seine gesamte Familie leidet unter Thalassämie, der sogenannten Mittelmeeranämie; einer Krankheit der roten Blutkörperchen, verursacht durch einen Gendefekt, der vererbbar ist. Atas Mutter berichtet, dass die ganze Familie daran erkrankt ist und bereits zwei Verwandte daran gestorben sind.

Atas Familie sagte dem Vater Mohamed unter Tränen und großer Trauer Lebewohl. Nach langer Zeit des Leidens starb Mohamed an Krebs. Kummer, Sorgen und Hoffnungslosigkeit blieben zurück, nachdem der warmherzige Vater von ihnen gegangen war. Von nun an mussten sie allein zurechtkommen. Aber nicht nur die Abwesenheit des Vaters trifft die Familie schwer; auch der frühe Tod von Atas Schwester Najwa ist für die Familie nur schwer zu ertragen. Najwa war erst 28 Jahre alt, als sie nach einem langen Kampf gegen den Krebs nur ein Jahr nach ihrem Vater starb.

Neben all dem Schmerz, den Ata in seiner eigenen Familie miterleben musste, sorgt er sich auch um seinen besten Freund Mohammed, der ebenfalls an Krebs erkrankt ist:

„Ich liebe Mohammed so sehr und ich bin darüber sehr traurig. Jeden Tag habe ich Angst, ihn zu verlieren. Ich bitte Allah, dass er ihm hilft“, sagt Ata.

Depressionen begleiten Ata in seinem Leben. Nach dem Tod seines Vaters musste er all seine Bedürfnisse zurückstecken. Seine kranke Mutter, die auch an Diabetes leidet, kann ihm kaum das geben, was er braucht. Nicht einmal emotional ist sie ihm eine Hilfestellung, leidet sie doch unter derselben Not, dem gleichen Schmerz und der Angst vor der Zukunft.

Ata besucht die fünfte Klasse der Grundschule des Flüchtlingslagers. Seine schwierige Situation wirkte sich auf seine schulischen Leistungen aus, so dass er die letzte Klasse wiederholen muss.

Nach kurzer Zeit mit ihm konnte ich seine Traurigkeit spüren: Ata ist sehr sensibel und es fehlt ihm an Möglichkeiten, seine Trauer und seine Ängste abzubauen. Folglich zieht er sich zurück und bleibt mit seinem Schmerz allein. Er entzieht sich seinem schulischen und sozialen Umfeld. Seine Familie macht sich große Sorgen um ihn: Aber was können sie für ihn tun?

Die Frage nach seinen Hobbys war eine der wenigen Fragen, auf die Ata mir eine Antwort gab. Er macht gern Sport, besonders Rennen und Tennisspielen mag er. Ata spielt aber auch gern Computerspiele in einem nahegelegen Zentrum, da er selbst keinen PC besitzt.

Für die Familie ist jede Alltagshandlung mit Schwierigkeiten verbunden: Die vaterlosen Kinder haben keine Unterstützung, außer ihrer verzweifelten Mutter. Obwohl Rabeeha Allah für alles dankt, was sie zum Leben haben, weiß sie dennoch nicht, wie sie ihre Kinder ernähren soll. Erst als Ata in das Islamic Relief Waisenpatenschaftsprogramm aufgenommen wird, kommt die Familie an einen Wendepunkt. Alle fühlten den Wandel, der seitdem in ihr Leben kam. Es gibt gute Menschen auf der Welt, deren Taten Wunder wirken; diese Menschen geben anderen die Chance auf ein anständiges Leben. Es kam wieder etwas Glück in den Alltag von Atas Familie, die so lange dunkle und traurige Zeiten durchlebt hatte.

Die Mutter sagt: „Das Geld von der Patenschaft hat großen Einfluss auf Atas Zukunft. Ich kann ihm jetzt neue Kleidung kaufen und alle seine Grundbedürfnisse abdecken. Er bekommt gesunde Mahlzeiten und seine Medizin.“
Als ich Ata frage, ob er seinem Paten etwas sagen möchte, antwortet er leise: „Ja, ich bin ihm so dankbar für seine Hilfe. Ich kann nun in Würde leben, so wie andere auch. Ich kann jetzt schöne Kleidung tragen und ich bekomme alles, was ich brauche. Ich würde mich sehr freuen, meinen Paten kennenzulernen.“
 
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